04. Februar 2026

„Den Tumor so hart wie möglich treffen“

Immuneo Therapeutics entwickelt Tumortherapien.

Es ist alles noch ein wenig ungewohnt. Die Wege, die Räume. Die Büros werden gerade eingerichtet. Aber im Immunologie-Labor im Haus 11 sind schon Arbeitszeiten für die Neuen eingeplant. Die Neuen sind die Beschäftigten der Immuneo Therapeutics GmbH. Das junge Unternehmen ist erst vor wenigen Monaten von Karlsruhe nach Brandenburg an der Havel gezogen. Immuneo Therapeutics erforscht und entwickelt individuelle Immuntherapien für Krebspatienten.

Der Umzug ins Brandenburgische, abseits vom Berliner Speckgürtel, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Für das Uniklinikum in der Havelstadt spricht „das Immunologie-Labor mit seiner Ausstattung“, wie Dr. phil. nat. Florian Buhr erklärt. Das könne sich sogar mit Labors in anerkannten Forschungsgesellschaften messen. Sogar ein Cell Sorter, mit dem Zellen bis ins kleinste Detail analysiert und für Folgeexperimente getrennt werden können, stehe zur Verfügung. Dr. Florian Buhr leitet die Forschungen im Unternehmen. Im vergangenen Jahr war er noch an der Elite-Uni im englischen Cambridge beschäftigt. In Brandenburg arbeitet er Tür an Tür mit unterschiedlichsten Fachleuten zusammen. Darunter Prof. med. habil. Dr. rer. nat. Barbara Seliger – eine Expertin auf dem Gebiet der Tumorimmunologie.

Überzeugt habe auch das Brandenburger Förderkonzept, wie Firmengründer und Geschäftsführer Dr. rer. pol. Wolfgang Schönharting erklärt. Das Brandenburger Wirtschaftsministerium unterstützt die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten über das Förderprogramm ProFIT. Den Weg nach Brandenburg „muss man schon ein bisschen wagen“, sagt der Biochemiker Dr. Florian Buhr mit einem Augenzwinkern. „Aber man bekommt etwas an diesem Standort.“

Immuneo Therapeutics hat es sich zur Aufgabe gemacht, Immuntherapien zu entwickeln unter anderem für Patienten, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs, an Prostata-, Brust- oder auch Darmkrebs leiden. Für die Behandlung all dieser Erkrankungen gibt es am Uniklinikum zertifizierte Zentren. Das Unternehmen hofft auf klinische Zusammenarbeit und sieht darin eine große Chance. Dabei verfolgt Immuneo Therapeutics einen ganz speziellen Ansatz: Es kombiniert Immuntherapien mit dem Einsatz von KI. Damit soll die Trefferquote im gezielten Kampf gegen Tumorzellen erhöht werden.

Tumorzellen haben – wie andere Körperzellen auch – die Eigenart, für sie typische Eiweiße an ihrer Zelloberfläche zu präsentieren. Diese „Schaufensterauslage“ sollte eigentlich das körpereigene Immunsystem auf den Plan rufen. Aber Tumorzellen sind Meister der Täuschung. Sie versuchen, die Peptide zu verstecken, lassen sozusagen die Jalousie im Schaufenster runter. Außerdem sind Tumoren heterogen, nicht jedes Schaufenster im Tumor sieht gleich aus und ist gleich anfällig für Therapien. „Wir sind aber durch unser KI-Modell in der Lage, mit großen Wahrscheinlichkeiten voraussagen zu können, welche Peptide zur Tumorzelle gehören und wie sie sich verändern“, erläutert PD Dr. rer. nat. habil. med. Meik Kunz. Der Bioinformatiker ist der Technologieleiter bei Immuneo Therapeutics. Grundlage für die Voraussagen sind Millionen von online verfügbaren Datenpunkten über Krebserkrankungen, Tumorzellen, Veränderungen von Tumorzellen. Sie werden KI-gestützt durchforstet, um Therapieansätze für Patienten abzuleiten.

Wenn klar ist, welche Eiweiße oder Peptide der Feind sind, kann eine Art individueller Peptid-Cocktail für den Patienten produziert werden. Dieser Cocktail tötet die Tumorzellen nicht direkt. Er „trainiert“ die körpereigene Abwehr – die T-Zellen – darauf, genau diese Tumor-Peptide zu entdecken, zu markieren und dann die Tumorzelle abzutöten.

Da Tumorzellen eine Vielzahl von Peptiden mitbringen, kann der aktivierende Cocktail mit jeder neuen Untersuchung von Zellmaterial verfeinert und damit treffsicherer werden. Ziel ist es, schon mit dem ersten Cocktail möglichst viele Peptid-Übereinstimmungen zu haben, um „den Tumor so hart wie möglich treffen zu können“, sagt Dr. Florian Buhr. Dem Patienten verschafft es Zeit für eine weitere, noch individuellere Gabe. Dr. Meik Kunz vergleicht die Wirkung mit der eines Breitbandantibiotikums. Es wirkt gegen eine Vielzahl von Bakterien und erhöht die Chance, einen ersten Treffer zu landen. Bisher hat Immuneo schon einige Krebspatienten individuell behandelt und auch Fallstudien in der Fachliteratur veröffentlicht. Bis allerdings eine „Breitband”-Immuntherapie so weit ist, muss noch viel geforscht werden. „Diese T-Zellen-Aktivierung ist auch bedeutsam für die Behandlung schwerer Infektionen“, ergänzt der Geschäftsführer Dr. Wolfgang Schönharting.

Ein Dutzend Forscher gehören zu Immuneo Therapeutics. Vier oder fünf sollen noch hinzukommen. Die Karlsruher Belegschaft ist übrigens bis auf eine Ausnahme komplett ins Brandenburgische gewechselt.

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