08. Juni 2026
Ein Mikroskop für mehrere Experten
In der Pathologie ist das Diskussionsmikroskop täglich im Einsatz.
Dr. med. Marlis Günther legt den Objektträger unter das Mikroskop. Ein langer, prüfender Blick durch die Okulare. „Vielleicht brauchen Sie noch mehr als diesen einen Schnitt“, sagt die Leitende Oberärztin im Institut für Pathologie. Sie schaut sich gemeinsam mit den Assistenzärzten Zakariya Ameer Hassoon und Francesco Brunelli das Lungengewebe eines Patienten an. Eine schwere Bauchfellentzündung hat bei ihm zu einer „Schocklunge“ geführt. Akutes Lungenversagen. Die drei Mediziner begutachten die Gewebeschäden.
Jeder hat dabei sein „eigenes“ Mikroskop. Aber alle sehen das identische Bild. Das macht das Diskussionsmikroskop möglich. Das Hauptmikroskop, das Marlis Günther alle Einstellungen eines normalen Arbeitsmikroskops bietet, ist mit vier weiteren „Einblicken“ verbunden. Dort kann sich jeder seine Sehstärke einstellen und gleichzeitig verfolgen, auf welches Gewebeareal die Leitende Oberärztin gerade mit einem kleinen leuchtenden Pfeil hinweist.
Mehrmals täglich besprechen die Pathologen am Diskussionsmikroskop ihre „Problemfälle“, zu denen sie gern die Meinung ihrer Kolleginnen und Kollegen hören. Außerdem demonstrieren die Assistenzärzte alle von ihnen zuerst bearbeiteten Fälle. „Gerade für die Ausbildung ist das eine schöne Sache“, betont Marlis Günther. Sie könne sich noch an ihre Assistenzzeit erinnern: „Da hat der Chef erzählt, was er sieht. Und wenn ich Glück hatte, ist er mal beiseite gerutscht und hat mir einen Blick durchs Mikroskop gegönnt.“
Selbst für eine Express-Expertenrunde in der Schnellschnittsituation ist das Diskussionsmikroskop genau das Richtige. Wenn bei einer Tumor-OP entnommenes Gewebe schnell überprüft werden soll, übernehmen zwei Pathologen gemeinsam die Befundung im Vier-Augen-Prinzip. Dafür muss der Gewebeschnitt nicht extra eingescannt werden. Einfach nur auf dem Objekttisch des Mikroskops einspannen und die beiden Experten können mit ihrer Arbeit beginnen. Zeitgleich.
Für einen größeren Personenkreis ist es sogar möglich, das Bild vom Mikroskop auf einen großen Bildschirm zu übertragen. Das passiert beim hämatoonkologischen und molekularen Tumorboard. Denn dann ist die Beratungsrunde durch Onkologen aus Klinik und Praxis, Radiologen und Strahlentherapeuten deutlich erweitert. Per Videokonferenz können sich sogar externe Experten zuschalten.