09. Februar 2026
Ein zusätzliches Paar Augen
Das Uniklinikum nutzt Künstliche Intelligenz zur Mammographie-Analyse
Für die Auswertung von Mammographien – das sind Röntgenuntersuchungen der Brust, um Brustkrebs zu erkennen – setzt das Universitätsklinikum neuerdings auf spezielle Hilfe. Von einem „zusätzlichen Paar Augen für den Radiologen“, spricht Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Andreas G. Schreyer, Chefarzt und Direktor des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie. Ein Augenpaar, das nicht müde wird. Auch nach vielen Stunden Dienst nicht. Das Team um Prof. Dr. Andreas Schreyer nutzt Künstliche Intelligenz unter anderem als Hilfe für die Befundung von Röntgenaufnahmen der Brust. „Wir sind eine der ersten Unikliniken in Deutschland, die ein KI-Modell für die Mammographie-Analyse nutzen“, betont der Chefarzt. Für die Patientinnen bedeutet das: schnellere Befunde und größere Sicherheit. Zur Mammographie am Uniklinikum kommen meist Patientinnen zur Kontrolle nach einer Brustoperation oder aber Frauen, bei denen eine Auffälligkeit ertastet wurde.
Beim Einsatz von KI-Modellen in der Radiologie durchlaufen die jeweiligen Aufnahmen automatisch den Check durch die Künstliche Intelligenz. Entdeckt die KI etwas Auffälliges, markiert sie das Areal und fordert die Fachärzte auf: Schaut dort genauer hin! In Brandenburg an der Havel wird die Routine etwas anders gehandhabt. „Es war der Wunsch unserer Ärztinnen und Ärzte, die Röntgenaufnahmen zunächst ohne Hinweise der KI zu sehen“, erklärt Prof. Dr. Andreas Schreyer. „Sie wollen unvoreingenommen in die Analyse gehen.“ Ein Vorgehen, das der Institutsdirektor unterstützt. Als Erstes schauen sich also die menschlichen Experten die Aufnahmen an. Das sind immer zwei Fachärzte. Sie gleichen ihre Befunde mit dem KI-Check ab. Die KI ist an dieser Stelle das dritte paar Augen, das auf die Mammographie schaut. Ergibt sich beim Abgleich eine Diskrepanz, prüfen die Radiologen die Mammographie noch einmal ganz genau und ziehen im Zweifelsfall einen weiteren Kollegen hinzu. Für den Befund ergibt sich durch dieses Zusammenspiel ein Plus in puncto Sicherheit.
„Wir nutzen die KI als weiteren Prüfer“, sagt Prof. Dr. Andreas Schreyer. Mit der maschinellen Unterstützung können verdächtige Areale wie Mikroverkalkungen oder Gewebeverdichtungen in der Brust schneller und präziser identifiziert werden. Sie können ein Hinweis auf Brustkrebs oder eine Vorstufe davon sein. Selbst in der Mammographie-Analyse bei jungen Frauen, die ein dichteres und dadurch schwerer zu analysierendes Brustgewebe als ältere Frauen haben, ist die KI hilfreich. Den Befund allerdings stellt nach wie vor der Mensch. Und nur der Mensch. Er hat Erfahrung und auch den Blick für Außergewöhnliches. Letzterer fehlt der KI. Sie hat anhand von zahlreichen Röntgenaufnahmen „gelernt“ und gleicht dieses Wissen mit neuen Aufnahmen ab. Es ist geltendes europäisches Recht, dass eine Software oder ein KI-Modell allein keine Entscheidungen treffen darf.
Das KI-Modell, das am Uniklinikum zum Einsatz kommt, heißt „BreastView“ und wurde vom europäischen KI-Unternehmen Gleamer entwickelt. Mit der Firma Gleamer, die ihren Sitz in Frankreich hat, arbeitet Prof. Dr. Andreas Schreyer schon länger zusammen. So nutzt das Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie bereits ein KI-Modell, das Röntgenaufnahmen von Knochen beziehungsweise der Lunge auf eventuelle Frakturen beziehungsweise Schäden untersucht. „Durch die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Gleamer gehören wir hier am Universitätsklinikum Brandenburg in Deutschland und Europa als 'Early Adopter' sicherlich zu den Pionieren radiologischer KI-Anwendungen“, so Prof. Dr. Andreas Schreyer. „Es macht mich und unser Team glücklich und stolz, dieses entscheidende Zukunftsthema der Medizin nicht als passiver Konsument irgendwann in der Zukunft, sondern als prägender Akteur und Gestalter mitentwickeln zu dürfen.“
Mit Blick auf die Befundung von Mammographien erhofft sich der Chefarzt der Radiologie vom Einsatz des KI-Modells im klinischen Alltag eine höhere Sensitivität. Das heißt eine gesteigerte Zuverlässigkeit beim Entdecken von Auffälligkeiten. Prof. Dr. Andreas Schreyer verweist auf britische Studien, die belegen, dass mithilfe von KI beim Mammographie-Screening die Sensitivität um rund zwei Prozentpunkte gesteigert werden konnte. Es wurden also mehr Krebserkrankungen im frühen Stadium erkannt – das kann Lebensqualität erhöhen und Leben retten. „Diese Ergebnisse beziehen sich auf das regelmäßige Screening von Frauen ohne bisherige Krebsdiagnose“, betont der Chefarzt. „Am Universitätsklinikum arbeiten wir im kurativen Bereich. Hier geht es um die Nachsorge und das Abklären von Verdachtsfällen.“ Da gebe es noch keine belastbaren Studien über die Effektivität der Künstlichen Intelligenz. Aber jedes Mal, wenn sie der Anlass dafür ist, noch einmal genauer auf das Röntgenbild zu schauen, bringt sie mehr Sicherheit für Patienten. „Die KI macht uns besser“, sagt Prof. Dr. Andreas Schreyer.