16. April 2026
Gewitter im Kopf
Neurologin Dr. med. Christina Hofmann-Shen erklärt Therapieansätze bei Epilepsie.
Bei dem einen ist es vielleicht nur ein Zucken im Bein. Oder ein anhaltendes Kribbeln in Muskeln. Beim Nächsten sind es Muskelkrämpfe im Gesicht. Mancher ist für mehrere Sekunden wie geistesabwesend – er nimmt seine Umgebung gar nicht mehr wahr. Und dann gibt es natürlich auch Krampfanfälle, die den ganzen Körper förmlich durchschütteln. „Die Symptome sind sehr, sehr komplex“, sagt Dr. med. Christina Hofmann-Shen, Leitende Oberärztin in der Neurologie des Universitätsklinikums und ausgewiesene Expertin für epileptische und neuromuskuläre Erkrankungen.
In Deutschland erleben etwa fünf bis sieben Prozent der Einwohner im Laufe ihres Lebens einen epileptischen Anfall. Über einen längeren Zeitraum an Epilepsie erkranken allerdings nur 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung. Das zeigt, dass es eine Reihe von singulären Ereignissen gibt, die das Leben der Betroffenen nicht nachhaltig beeinflussen. Allerdings muss genau das bei jedem Anfall medizinisch gecheckt werden. Dr. Christina Hofmann-Shen mahnt, dass „jeder erstmalige Anfall ein Notfall ist“. Betroffene sollten umgehend in die Rettungsstelle gebracht werden. Hier wird in bildgebenden Untersuchungen wie einem MRT das Gehirn auf eventuelle Verletzungen oder Schäden untersucht. Schlaganfälle können zu epileptischen Anfällen führen. Ebenso Infektionen wie eine Hirnhautentzündung.
Mithilfe einer Elektroenzephalografie (EEG) kann zum Beispiel überprüft werden, ob es Areale im Gehirn gibt, die eine gesteigerte neuronale Erregbarkeit zeigen. Das wäre ein wichtiger Hinweis, denn bei einer Epilepsie feuern Nervenzellen ganz plötzlich und unkontrolliert Impulse ab – was dann zu den verschiedensten Funktionsstörungen führen kann. „Narbengewebe, das vielleicht durch einen längst überstandenen Schlaganfall im Gehirn entstanden ist, kann beispielsweise der Auslöser solcher abnormen elektrischen Entladungen sein“, erklärt die Leitende Oberärztin. Es kann aber auch sein, dass keine „strukturellen Schäden“, wie es die Experten bezeichnen, als Ursache ausgemacht werden können.
Die Gründe für epileptische Erkrankungen, die sich nicht auf körperliche Schäden zurückführen lassen, sind noch nicht bis ins letzte Detail geklärt. Die Experten haben unter anderem genetische Veranlagungen im Verdacht und ebenso Umwelteinflüsse. In diesen Fällen werden die Symptome behandelt. Ziel ist es dabei, so Dr. Christina Hofmann-Shen, die Betroffenen „anfallsfrei“ zu bekommen. Eine solche Behandlung beginnt erst nach dem zweiten epileptischen Anfall. Der tritt bei Menschen, die tatsächlich an Epilepsie leiden, „in der Regel zeitnah nach dem ersten Ereignis auf“, erklärt die Fachfrau.
Das Mittel der Wahl sind anfallssupprimierende Medikamente, die das ungewollte Feuerwerk der Nervenzellen eindämmen sollen. Die medikamentöse Einstellung der Patienten übernehmen meist die niedergelassenen Neurologen. In die Sprechstunde, die Dr. Christina Hofmann-Shen anbietet, kommen Betroffene, für die das richtige Medikament – oder auch die Medikamente – und die richtige Dosierung nicht leicht zu finden sind. Anfallssupprimierende Medikamente haben durchaus Nebenwirkungen. Dazu gehören Hautausschlag, Gewichtszunahme, Tagesmüdigkeit und auch koordinative Probleme. Nur mit einer perfekten Dosierung können die Nebenwirkungen möglichst gering gehalten werden.
Wird bei Kindern Epilepsie diagnostiziert, besteht bei einem Großteil die Chance, dass die Anfälle mit dem Übergang ins (junge) Erwachsenenalter plötzlich aufhören. Das lässt sich mit einem kontrollierten und schrittweisen Absetzen der Medikamente überprüfen. „Ein anderer Teil der Betroffenen muss die Medikamente lebenslang nehmen“, sagt die Leitende Oberärztin der Neurologischen Klinik. Sie betont aber zugleich, dass das keinerlei Auswirkungen auf die Lebenserwartung eines Betroffenen hat. „Es ist ein normales Leben möglich.“ Schließlich habe es in den vergangenen Jahren eine Reihe von Fortschritten in der Therapie gegeben.
Die Bezeichnung „Epilepsie“ geht übrigens auf das griechische Wort „epilambanein“ zurück, das so viel wie „jemanden packen“ oder „(überraschend) ergreifen“ bedeutet. Dr. Christina Hofmann-Shen weiß, dass gerade bei Jugendlichen die Diagnose „Epilepsie“ Unsicherheit und Angst auslösen kann. „Wir sprechen viel mit unseren Patienten, erklären, geben Tipps und nehmen dadurch auch Frustrationen“, so die Neurologin. Nach einem ersten Anfall dürfen Betroffene zum Beispiel kein Auto fahren. Erst wenn geklärt ist, dass das nur ein singuläres Ereignis war, dürfen sie wieder hinters Steuer. Für so manchen diagnostizierten Epileptiker stellt sich die Frage, ob es Einschränkungen bei der Berufswahl gibt. Sie dürfen zum Beispiel nicht Berufskraftfahrer werden. Auch Schichtarbeit kann ein Problem sein. Denn bei manchen Betroffenen lösen Schlafmangel oder Störungen im Biorhythmus Anfälle aus. „Wir helfen in solchen Fällen auch mit Informationen für den Arbeitgeber.“ Denn, so die Neurologin weiter, es müsse noch viel Aufklärungsarbeit in Bezug auf die Krankheit Epilepsie geleistet werden.
Klinik für Neurologie
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Dr. med. Christina Hofmann-Shen
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