13. Februar 2026
Selten, aber gravierend
Patienten mit enterocutanen Fisteln werden am Uniklinikum von einem Expertenteam um Univ.-Prof. Dr. med. René Mantke und Prof. Dr. med. Claus Schildberg behandelt
Vor ein paar Wochen erst war Prof. Dr. med. Claus Schildberg bei einem Kongress in Dänemark. Es war der erste internationale Kongress zu einem besonderen medizinischen Thema, wie er berichtet. Selbst aus Neuseeland seien Experten angereist, um sich über neueste Behandlungsmöglichkeiten auszutauschen. „Dieses Thema beschäftigt die medizinische Gemeinschaft“, erklärt der Oberarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Uniklinikum. Es betreffe zwar nur wenige Patienten, aber die Symptome und die Beschwerden seien gravierend. Es geht um die Behandlung von enterocutanen Fisteln. Am Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel wurde dafür extra ein Zentrum eingerichtet, das alle für die Behandlung erforderlichen Fachkräfte zusammenbringt.
„Eine Fistel ist ein Gang zwischen zwei Strukturen, der da nicht hingehört“, erklärt Prof. Dr. Claus Schildberg. Die Bezeichnung Fistel geht auf das Lateinische „fistula“ zurück, das so viel wie „Röhre“ bedeutet. Solche unnatürlichen Verbindungsgänge können zum Beispiel zwischen Blutgefäßen entstehen, auch zwischen Luft- und Speiseröhre oder im Verdauungstrakt. Enterocutane Fisteln sind eine Verbindung zwischen Darm – meist Dünndarm – und der Haut. Diese Erkrankung tritt vermehrt bei Patienten auf, die an der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn leiden. Aber auch nach komplizierten Operationen im Bauchraum, bei denen beispielsweise Verwachsungen des Darmtrakts gelöst werden sollen, können enterocutane Fisteln entstehen. Der Grund dafür sind minimale Verletzungen der äußeren Haut des Darms.
Das große Problem bei Dünndarm- oder auch Dickdarmfisteln ist, dass durch diese Röhren erhebliche Mengen an Körpersekreten austreten. Mitunter können das bis zu 500 ml an einem Tag sein. Das sind Eiter, Blut und eben auch Stuhl. Dadurch entsteht ein erhebliches Infektionsrisiko für Betroffene. „Das ist ein sehr schwerwiegendes Krankheitsbild“, betont der Oberarzt Prof. Dr. Claus Schildberg. Bei der Behandlung geht es zunächst darum, die Körperflüssigkeiten kontrolliert abzuleiten. Entzündetes oder gar infiziertes Gewebe muss operativ entfernt werden. Und letztlich muss der ungewollte Gang verschlossen werden. Dieser Prozess kann sich aber über Wochen, im Extremfall sogar über Monate erstrecken. „Wenn die Verwachsungen des Darms sehr stark sind oder das Gewebe sehr angegriffen ist, kann man nicht gleich operieren“, erläutert der Experte.
Mitunter verschließen sich Fisteln auch von allein. Doch die Patienten, die zu Prof. Dr. Claus Schildberg kommen, sind die schweren Fälle, die dringend umfassende Hilfe brauchen – und sie im „Zentrum für Enterocutane Fisteln und Dekubitus“ bekommen. Prof. Dr. Claus Schildberg ist der Koordinator dieses Zentrums. In diesem interdisziplinären Zentrum arbeiten die Experten der Allgemein- und Viszeralchirurgie zusammen mit:
- Radiologen, die mit bildgebenden Verfahren die genaue Lage von Fisteln bestimmen
- Intensivmedizinern
- Gastroenterologen, die chronisch entzündliche Darmerkrankungen behandeln
- Ernährungsmedizinern und Diätassistenten
- Psychologen, die die Patienten während eines langen Klinikaufenthaltes unterstützen
- speziell ausgebildeten Pflegefachkräften
- plastischen Chirurgen, die auch großflächige Wunden wieder verschließen
Jeder Patient bekommt die Therapie, die ganz genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Um Körperflüssigkeiten abzuleiten, werden modernste Verfahren wie Fisteladapter genutzt. Das umliegende Wundgewebe wird vakuumversiegelt. Mit einem leichten Unterdruck können dann über den Adapter die Flüssigkeiten abgeleitet werden.
Das Behandlungszentrum wurde vor etwa anderthalb Jahren eingerichtet auf Anregung von Univ.-Prof. Dr. med. René Mantke, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, sowie von Oberarzt Prof. Dr. Claus Schildberg. „Wir haben gesagt, dass wir uns der Sache annehmen“, so der Koordinator des Zentrums. Inzwischen werden sogar Patienten aus Niedersachsen nach Brandenburg verlegt, um nach neuesten Erkenntnissen therapiert zu werden. Prof. Dr. Claus Schildberg hat in Vorbereitung auf diese Tätigkeit bei Kollegen in Amsterdam hospitiert. „Man muss auch über den Tellerrand hinausschauen“, sagt er.