25. November 2025
„Sind wir ersetzbar?“
Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Andreas G. Schreyer über den Einsatz von KI in der Radiologie – und die Folgen.
Vor zwei Jahren fiel bei uns in der Radiologie der Startschuss. Wir begannen damit, Künstliche Intelligenz als Hilfe bei der Auswertung von Röntgenaufnahmen zu nutzen. Knochenbruch oder nicht? Veränderungen an der Lunge oder nicht? Den Befund erstellten die Ärztinnen und Ärzte in unserem Team fortan im Zusammenspiel mit der Einschätzung der KI. Inzwischen nutzen wir KI-Modelle unter anderem auch für die Analyse von Mammographien, also von Röntgenaufnahmen der Brust.
Das sei wie Autofahren mit Automatik, sagen Kritiker gern mit einem Augenzwinkern. Und so mancher Radiologe stellt die konkrete Frage: Sind wir ersetzbar? Meine Antwort lautet: Nein! Der Einsatz von KI in der Radiologie ist eine folgerichtige Entwicklung innerhalb der Digitalisierung der Medizin. Davor habe ich keine Angst. KI ist so etwas wie ein zusätzliches Paar Augen und kann an die Stelle des zweiten Radiologen beim Befunden treten. Sie kann unser Fachpersonal entlasten. Das ist auch dringend nötig, bei der steigenden Anzahl von Aufnahmen aus CT, MRT und Röntgen. Jahr für Jahr haben wir eine Steigerung von jeweils zehn Prozent. Und egal, ob KI im Spiel ist oder nicht: Den Befund stellt letztlich immer der Mensch. Er ist mit seiner Erfahrung und mit seinem Blick für das Außergewöhnliche, für das noch nie Dagewesene unersetzlich. Die Maschine ist nicht trainiert auf Patientendaten, Anamnese, Voraufnahmen oder die Krankengeschichte. Sie schaut sich stupide Knochen oder Gewebe an und gleicht das mit vorhandenen Bildern ab.
Der große Vorteil der KI ist: Sie wird nicht müde. Sie kann uns vor Flüchtigkeitsfehlern bewahren. Sie hält unsere Aufmerksamkeit hoch. Sie macht uns besser. Das finde ich cool. Auch und gerade, weil es den Patienten nutzt. Wenn wir heute ein CT machen – etwa vom Abdomen, Brustkorb oder Becken eines Patienten, weil er vielleicht unklare Bauchschmerzen hat – dann läuft im Hintergrund ganz automatisch der KI-Check bezüglich Knochenveränderungen oder Lungenherden. Hier gehören wir zu den führenden Pionieren der deutschen Universitätskliniken. Diesen zusätzlichen Aufwand – prüfen, ohne dafür einen konkreten Verdacht zu haben – können wir Radiologen gar nicht leisten. Die Maschine kann das minutenschnell. Sie kann so vielleicht einen Hinweis auf Knochentumore erkennen, die sonst nicht entdeckt worden wären.
Studien haben bewiesen, dass mit der Verwendung von KI-Modellen die Sensitivität in den Befunden steigt. Es werden mehr krankhafte Veränderungen entdeckt als ohne KI. Wir sind es unseren Patienten schuldig, die KI-Chancen konsequent zu nutzen, um immer besser zu werden, um Leben zu retten.
- Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Andreas G. Schreyer, Direktor des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie.