Digitalisierungsminister Dr. Benjamin Grimm informiert sich am Universitätsklinikum Brandenburg über KI in Diagnostik, Forschung und medizinischer Ausbildung
„Künstliche Intelligenz wird die Ärztin oder den Arzt nicht ersetzen. Sie kann uns aber helfen, große Mengen medizinischer Informationen schneller und präziser auszuwerten und Entscheidungen besser vorzubereiten. Entscheidend ist, dass wir ihre Möglichkeiten ebenso verstehen wie ihre Grenzen“, erklärte Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Andreas G. Schreyer MHBA, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Uni-versitätsklinikum Brandenburg an der Havel, anlässlich des Besuchs des brandenburgischen Justiz- und Digitalisierungsministers Dr. Benjamin Grimm.
Im Mittelpunkt des Austauschs standen der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Medizin, ihre Chancen für Diagnostik und Behandlung sowie die Notwendigkeit einer kontinuierlichen wissenschaftlichen Überprüfung. Das Universitätsklinikum gab dazu in Impulsvorträgen Einblicke in Anwendungen und Forschungsprojekte aus Radiologie, Orthopädie, Unfallchirurgie und Urologie.
An die fachlichen Präsentationen schloss sich ein offener und konstruktiver Austausch mit Minister Dr. Grimm an. Erörtert wurden insbesondere der sichere und verantwortungsvolle Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten sowie verlässliche Rahmenbedingungen für den Einsatz digitaler Tech-nologien in der Medizin. Das große Interesse des Ministers an den bereits etablierten Anwendungen und Forschungsprojekten unterstrich die Bedeutung des Universitätsklinikums und der Medizinischen Hochschule Brandenburg als Impulsgeber für die medizinische Digitalisierung im Land Brandenburg.
KI unterstützt die medizinische Diagnostik
In der Radiologie ist KI am Universitätsklinikum längst kein Zukunftsthema mehr. Entsprechende Systeme kommen bei Röntgen-, CT- und MRT-Untersuchungen seit 2023 zum Einsatz oder werden wissenschaftlich evaluiert. Sie helfen beispielsweise bei der Erkennung von Knochenbrüchen, bei Untersuchungen von Lunge und Brust sowie bei zeitkritischen Notfällen wie Lungenembolien, Hirnblutungen oder Gefäßverschlüssen.
Die Erfahrungen zeigen zugleich die Grenzen: Auch ein Algorithmus kann sich irren. Zudem können falsche KI-Empfehlungen die diagnostische Entscheidung von Ärztinnen und Ärzten beeinflussen – ein als „Automation Bias“ bezeichnetes Phänomen. Deshalb müssen KI-Systeme medizinisch ver-standen, wissenschaftlich begleitet und ihre Anwender entsprechend geschult werden.
Forschung prüft KI im medizinischen Alltag
Wie wichtig diese kontinuierliche Überprüfung ist, zeigte Victoria Sandmann, Studentin der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB). Sie entwickelte eine digitale Forschungsstruktur, mit der Ergebnisse einer KI zur Frakturdiagnostik systematisch erfasst und ausgewertet werden können.
Oberarzt Dr. med. Mikhail Salzmann aus dem Zentrum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie stellte weitere wissenschaftliche Arbeiten zur KI am UKB vor. Bei der Untersuchung nicht verschobener Schenkelhalsfrakturen konnte die Rate übersehener Frakturen durch eine Kombination von Radiologie und KI auf unter ein Prozent gesenkt werden. Nach den vorgestellten Ergebnissen könnten zugleich potenziell mehr als 25 Prozent der anschließend durchgeführten CT-Untersuchungen vermieden werden. Und auch unter hoher Arbeitsbelastung kann KI die Diagnostik unterstützen. Eine prospektive Untersuchung über 14 Wochen mit 1.172 Röntgenbildern verglich dazu die diagnostische Sensitivität von Assistenzärzten mit und ohne KI-Unterstützung.
Die Forschung erfolgt fachübergreifend: Das Zentrum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie und das Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie arbeiten dabei eng zusammen. Seit Mitte 2023 besteht zudem eine Kooperation mit einem europäischen KI-Unternehmen. Bislang entstanden sieben Publikationen zur KI-basierten radiologischen Bildanalyse und fünf weitere zu Large Language Models (LLM) in der Medizin.
Digitalisierung in Versorgung, Forschung und Lehre
Dass Digitalisierung über die bildgebende Diagnostik hinausreicht, zeigte der Geschäftsführende Oberarzt Prof. Dr. med. Julian Struck am Beispiel der Urologie. Zu den Themen gehören digitale Gesundheitsanwendungen – die „App auf Rezept“ – ebenso wie Telematikinfrastruktur, medizinische Informationssysteme und Interoperabilität. Sie sind zugleich Bestandteil des Digitalisierungs-Curriculums in der medizinischen Lehre.
„Für uns ist Digitalisierung kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob sie unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hilft und die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten verbessert. Die Verbindung von klinischer Praxis, Forschung und medizinischer Ausbildung ist dabei eine besondere Stärke unseres Hauses“, unterstreicht Geschäftsführerin Gabriele Wolter. Das Universitätsklinikum verbindet Krankenversorgung, Forschung und Lehre: Digitale Technologien werden praktisch eingesetzt, ihre Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlich untersucht und zugleich an die nächste Generation von Medizinerinnen und Medizinern vermittelt.