20. April 2026
Eine Frage des guten Tons
Warum Hörscreenings bei Neugeborenen so wichtig sind
Es ist noch gar nicht so lange her, dass Hörtests bei Neugeborenen zum obligatorischen medizinischen Vorsorgeangebot erklärt wurden. „Seit dem 1. Januar 2009 gehören Neugeborenen-Hörscreenings zur U2-Früherkennungsuntersuchung“, sagt Dr. med. Manja Jolie, Oberärztin in der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Gesichts- und Halschirurgie. „Das ist wirklich sehr gut. Denn so können Hörstörungen frühzeitig erkannt und behandelt werden“, betont Dr. Manja Jolie. „Früher sind Probleme mit dem Hören mitunter erst im Alter von zwei bis sechs Jahren bemerkt worden. Gutes Hören ist jedoch so wichtig – nicht nur für die Wahrnehmung der Umwelt, sondern auch für die Sprachentwicklung der Kinder.“
Um das Hörvermögen der Neugeborenen zu testen, gibt es zwei gängige Messmethoden, wie die Fachärztin für HNO-Heilkunde sowie für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen erklärt. Beides sind sogenannte objektive Verfahren. Das heißt, eine aktive „Mitarbeit“ der Kinder ist nicht nötig. Sie können ja noch nicht sagen, ob sie etwas hören.
Die Messung der sogenannten „transitorisch evozierten otoakustischen Emissionen“ (kurz: TEOAE’s) ist die am häufigsten angewandte Messmethode. Die Neugeborenen bekommen einen kleinen Stöpsel ins Ohr. Der Einsteckhörer ist sowohl Sender als auch Empfänger der Töne. Dieser gibt leise Klickgeräusche ab, von denen die schlafenden Kinder meist nicht mal aufwachen. Funktionieren die Sinneszellen im Innenohr korrekt, werden diese Schallwellen nicht nur über den Hörnerv weitergeleitet, sondern senden auch ein Echo zurück ins äußere Ohr, welches von der Sonde im Einsteckhörer gemessen werden kann. Falls kein Echo erkannt wird, weist dies auf eine mögliche Hörstörung hin. Das eigentliche Messen dauert pro Ohr meist weniger als eine Minute.
„Ist das Testergebnis auffällig, muss das nicht unbedingt auf ein gravierendes Problem hinweisen“, beruhigt Dr. Manja Jolie. Es kann zum Beispiel sein, dass das Kind noch Fruchtwasser im Mittelohr hat. Der Test wird dann wiederholt, um das Ergebnis zu verifizieren.
Die zweite Messmethode ist die „Automatisierte Hirnstammaudiometrie“ (AABR). Zusätzlich zu einem Einsteckhörer im Ohr werden Elektroden am Kopf des Kindes angebracht. Durch diese Messung lässt sich feststellen, ob die Signale vom Innenohr zum Hörnerv weiter übertragen werden. Dieser Test dauert wenige Minuten. Dies ist das optimale Diagnostikverfahren für die Untersuchung von Kindern, die zu früh geboren wurden, bei denen die Geburt kompliziert war oder bei denen schon die Eltern oder Geschwister an Hörstörungen leiden.
Ziel müsse es sein, so Dr. Manja Jolie, die Hördiagnostik bei den Kindern bis zum Alter von nur drei Monaten abzuschließen. Dann gehe es um eine schnelle und adäquate Versorgung der kleinen Patienten. Brauchen sie Hörgeräte, sollten diese möglichst bis zum 6. Lebensmonat angepasst sein. Natürlich kann es passieren, dass die Kleinen mit unkontrollierten Bewegungen das Hörgerät rausnehmen. „Aber die Geräte sind robust konstruiert“, betont die Expertin. Außerdem würden die Kinder schnell merken, dass sie ihre Umwelt mit diesem Gerät im Ohr besser wahrnehmen. Bei hochgradiger, bis an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit ist ein Cochlea-Implantat eine Option. „Eine solche Implantation sollte um den ersten Geburtstag herum erfolgen“, erklärt die Oberärztin. Damit würden die besten Ergebnisse für den Verlauf und die weitere Entwicklung, insbesondere die Sprachentwicklung, des Kindes erzielt.
Der Anteil von Neugeborenen mit Hörstörungen ist glücklicherweise gering. Von 1.000 Neugeborenen haben im Durchschnitt ein bis zwei Kinder eine bleibende Hörstörung, wie die Expertin erklärt. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Etwa 70 Prozent der Schwerhörigkeiten sind genetisch bedingt. Dr. Manja Jolie weist darauf hin, dass mehr als 100 verschiedene Gene mit der Hörleistung zusammenhängen. Verschiedene Fehlbildungen von Außen-, Mittel- oder Innenohr können ebenfalls zu einer Hörstörung führen. Erworbene Schwerhörigkeiten können durch Infektionen oder ototoxische Medikamente in der Schwangerschaft entstehen. Auch nach der Geburt können Kinder Hörstörungen entwickeln. Mögliche Ursachen sind auch hier Infektionen, bestimmte Medikamente oder ein Schädel-Hirn-Trauma. So kann zum Beispiel eine Meningitis, also eine Hirnhautentzündung, für Hörprobleme sorgen.
Im Kleinkindalter können sich ebenfalls Hörstörungen entwickeln. Insbesondere wenn es zu Problemen in der Sprachentwicklung kommt, sollte eine erneute Hördiagnostik erfolgen. Häufig sind es jedoch vorübergehende Hörstörungen, etwa durch sogenannte Paukenergüsse, die durch Infekte der oberen Atemwege entstehen. Dabei sammelt sich Flüssigkeit hinter dem Trommelfell an. Das macht das Hören „dumpf“, als ob man unter Wasser wäre. „Oft gehen die Paukenergüsse von allein wieder weg“, erklärt Oberärztin Dr. Manja Jolie. Manchmal müssen die HNO-Spezialisten mit einem kleinen, operativen Eingriff jedoch nachhelfen. Ein Trommelfellschnitt sorgt dann für Entlastung – und für gutes Hören.