18. November 2025

Genau hinschauen

Das Schielen bei Kindern sollte früh geprüft und behandelt werden

Porträtfotos können manchmal mehr sein als nur ein Porträt und eine Erinnerung an ein schönes Erlebnis. „Achten Sie auf die Lichtreflexe in den Augen oder bei manchen Blitzlichtaufnahmen auf die Rotreflexe in den Augen. Liegen sie nicht parallel zueinander, kann das ein Warnzeichen sein“, sagt Univ.-Prof. Dr. med. Stefan Johann Lang. Der Direktor der Klinik für Augenheilkunde am Uniklinikum meint damit den Hinweis auf ein mögliches Schielen. Strabismus nennt der Fachmann diese Augenfehlstellung, nach dem altgriechischen Wort „strabismós“ fürs Schielen.

Wenn eines oder gar beide Augen aus dem normalen Dienst ausscheren, rät der Klinikdirektor zu einem medizinischen Check. Gerade bei älteren Betroffenen kann ein plötzlich auftretendes Schielen ein Zeichen für einen ernsthaften physischen Schaden sein. Ein Nerv der Augenmuskulatur kann gelähmt sein. Dafür kann beispielsweise ein Aneurysma verantwortlich sein, das auf den Nerv drückt. Ein Schlaganfall, ein Tumor oder auch eine Fraktur der Augenhöhle kann dafür sorgen, dass jemand plötzlich schielt und Doppelbilder sieht.

Tritt ein Schielen zeitweise auf, wird es als latentes Schielen bezeichnet. Das dauerhafte Schielen heißt manifestes Schielen. Davon sind immerhin fünf bis sieben Prozent der Kinder betroffen. In zwei von drei Fällen sind die Kinder dabei jünger als zwei Jahre, wie Prof. Dr. Stefan Lang erklärt. Auch bei schielenden Kleinkindern geht es in der Diagnostik zunächst darum, schlimmere Erkrankungen als Ursache auszuschließen. Erst dann geht es an die Behandlung des kindlichen Schielens. Und die muss erfolgen, da sich sonst eine irreversible Sehschwäche ausprägt.

Unser Gehirn fordert von beiden Augen identische Bilder einer fixierten Umgebung ab. Die beiden Bilder zusammen machen räumliches Sehen möglich. Sie ergeben ein 3-D-Bild. Schielt ein Auge und liefert Bilder aus einem ganz anderen, „falschen“ Sichtwinkel, unterdrückt das Gehirn des Kleinkindes diese „störende“ Information. Die Folgen: Das schielende Auge wird weniger gefordert. Es kann sich eine Sehschwäche ausbilden. Und dem Gehirn fehlt die Möglichkeit, „das binokulare Sehen – also das Sehen mit beiden Augen – zu trainieren“, so der Direktor der Klinik für Augenheilkunde. Das wiederum ist die Voraussetzung für das räumliche Sehen.

In der Therapie geht es zunächst darum, eine eventuelle Schwachsichtigkeit – auch Amblyopie genannt – auf dem schielenden Auge zu vermeiden. Prof. Dr. Stefan Lang: „Dafür wird das führende Auge, also das nicht schielende Auge, jeweils für eine gewisse Anzahl von Stunden pro Tag abgeklebt.“ Mit der Ruhigstellung des guten Auges wird das schielende Auge gezwungen, die Objekte in der Umgebung zu fixieren. Und das Gehirn muss auf diese Informationen zurückgreifen. Damit sorgen die Fachleute für eine Entwicklung der Sehkraft beider Augen. Die Dauer der Therapie, die als Okklusionsbehandlung bezeichnet wird, ist abhängig vom Alter des kleinen Patienten und von der Entwicklung der Sehleistung des schielenden Auges.

Das eigentliche Schielen, also die Fehlstellung des Auges, kann später operativ korrigiert werden. Wie der Klinikdirektor der Augenheilkunde erklärt, geschieht das meist kurz vor der Einschulung. Das sichert einen unbeschwerten Start des Kindes in einem neuen sozialen Umfeld. Bei der Operation werden die Muskeln, die das Auge halten, gelöst und um ein ganz kleines Stückchen versetzt wieder befestigt. Ziel ist es, die Muskeln zu entlasten, die zuvor zu straff waren, und den Muskelgegenspieler wiederum etwas zu straffen. Diese Eingriffe erfolgen in der Regel ambulant. „Die Augenoberfläche heilt schon binnen weniger Tage“, sagt Prof. Dr. Stefan Lang. Innerhalb von ein bis zwei Wochen dürfte der Wundschmerz abgeklungen sein. Die Augen stehen danach parallel. Allerdings wird das Kind immer Probleme mit dem dreidimensionalen Sehen haben. Wie der Experte betont, habe das aber keine großen Auswirkungen auf das alltägliche Leben: „Das Gehirn lernt, auch ohne 3-D-Bilder Räumliches abzuschätzen.“

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