22. April 2026
Mit einem Mal ist der Nebel weg
Univ.-Prof. Dr. med. Stefan Johann Lang hat schon mehr als 50 Hornhauttransplantationen am Uniklinikum vorgenommen
Das Bild ist verschwommen. Manchmal ist es so, als ob ein Nebelschleier über allem liegt. Unter solchen Beschwerden leiden beispielsweise Patienten, die an der Fuchs-Endotheldystrophie erkrankt sind. Bei dieser Augenkrankheit sind die Endothelzellen in der Hornhaut in Mitleidenschaft gezogen. Sie bilden die innerste Schicht der Hornhaut und sind so etwas wie eine Pumpe im Auge: Sie leiten überschüssiges Wasser ab und sorgen so dafür, dass die Hornhaut durchsichtig bleibt und klares Sehen möglich ist. Ein Ausfall der Endothelzellen verschlechtert das Sehen enorm – wie etwa bei der Fuchs-Endotheldystrophie.
In solchen Fällen kann eine Hornhauttransplantation helfen. Je nach Erkrankung oder Verletzung der Hornhaut sind verschiedene Formen der Transplantation möglich, wie Univ.-Prof. Dr. med. Stefan Johann Lang, der Direktor der Klinik für Augenheilkunde, erklärt. Ersetzt werden kann die komplette Hornhaut, die aus fünf Schichten besteht. Mittlerweile ist es aber auch möglich, nur diejenigen Schichten der Hornhaut zu transplantieren, die unbedingt ausgetauscht werden müssen. Bei der Fuchs-Dystrophie zum Beispiel genügt es, die Schicht der Endothelzellen sowie die angrenzende Descemet-Membran zu ersetzen. Das Operationsverfahren nennt sich DMEK und steht für Descemet-Membran-Endothel-Keratoplastik. „Keras“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Horn“. Experten bezeichnen die DMEK auch als hintere lamelläre Keratoplastik, weil die beiden hinteren, also innersten, Schichten der Hornhaut ersetzt werden.
Eine solch „reduzierte“ Transplantation hat für die Patienten gleich mehrere Vorteile. „Unser Ziel ist es, nur das zu ersetzen, was wirklich verletzt oder krankhaft verändert ist“, sagt der Direktor der Klinik für Augenheilkunde. Bei der minimalinvasiven DMEK, die gerade einmal 15 bis 20 Minuten dauert, muss das Transplantat auch nicht angenäht werden. „Es wird mit Luft angedrückt“, erklärt Prof. Dr. Stefan Lang. Der Eingriff erfolgt unter dem Mikroskop. Denn hier ist selbst die Haaresbreite ein viel zu großer Maßstab. Die komplette menschliche Hornhaut ist etwa 530 Mikrometer dick. Auf die beiden inneren Schichten entfallen lediglich 10 bis 15 Mikrometer. Zum Vergleich: Ein Haar ist mit einem Durchmesser von 50 bis 100 Mikrometern fast zehnmal so dick.
Der Operateur setzt bei der DMEK vier mikroskopisch kleine Schnitte am Auge. Durch diese Zugänge entfernt er die defekten Hornhautschichten und führt danach eine Kartusche mit dem Transplantat ein. Letzteres hat einen Durchmesser von acht Millimetern und kommt als winzig kleine Doppel-Rolle ins Auge des Patienten. Durch ganz zarte Berührungen der Augenoberfläche entfaltet sich das Transplantat und wird in die richtige Position gebracht. Zuletzt wird es mit Luft angedrückt. Für die Patienten heißt das, nach der OP eine strenge Rückenlage einzuhalten, damit die neuen Hornhautschichten nicht verrutschen. Drei bis fünf Tage bleiben die Patienten in der Klinik. Das Auge wird mit einer Klappe geschützt und die Patienten sollten nicht im Auge reiben.
Prof. Dr. Stefan Lang betont, dass die Erfolge eines solchen Eingriffs sehr individuell sind. Es ist also nicht sicher, dass Patienten ihre Sehkraft zu 100 Prozent wiedererlangen. Nach den bisherigen Erfahrungen sei das aber zum großen Teil der Fall. Prof. Dr. Stefan Lang ist ein ausgewiesener Spezialist für Hornhaut-Erkrankungen und deren konservative sowie operative Therapie. Er leitet die Klinik für Augenheilkunde seit gut zwei Jahren und hat im Dezember vergangenen Jahres die 50. Hornhauttransplantation am Uniklinikum erfolgreich vorgenommen. Die Wartezeit auf eine solche OP liegt durchschnittlich zwischen sechs und acht Wochen. „Wir planen die Termine für die Transplantation und wissen etwa ein bis zwei Wochen im Voraus, ob ein Transplantat zur Verfügung steht“, erklärt der Experte. Anders als bei der Transplantation von Niere oder Lunge ist bei Hornhäuten nicht mit großen Abstoßungsreaktionen zu rechnen, da die Hornhaut nicht durchblutet ist. „Das Immunsystem kommt nicht an die Hornhaut ran“, sagt der Mediziner. Besonders ist auch, dass sich die Zellen der Hornhaut lange halten. Hornhäute können bis zu 72 Stunden nach dem Tod eines Menschen entnommen werden. Vorausgesetzt natürlich, er ist als Organspender registriert beziehungsweise die Angehörigen geben ihre Zustimmung. Nach der Entnahme können Hornhäute in einer Nährlösung bis zu 34 Tage gelagert und in dieser Zeit auch auf eventuelle Infektionen geprüft werden.
Die Klinik für Augenheilkunde am Uniklinikum Brandenburg an der Havel hat Ende des vergangenen Jahres von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft DOG das Zertifikat „Fellowship Hornhaut-Chirurgie“ bekommen. Das bedeutet, dass sich Fachärzte für Augenheilkunde am Uniklinikum in diesem Bereich weiterbilden können und einen anerkannten Abschluss erwerben.