27. November 2025
Warum frieren ältere Menschen leichter?
Was ich schon immer wissen wollte, aber mich nicht zu fragen traute …
Bei einem Gartenfest im Sommer konnte ich eine verblüffende Beobachtung machen: Während die Jüngeren allesamt im T-Shirt erschienen waren, trugen die Angehörigen der älteren Generation durch die Bank Pullis, Jacken oder zumindest langärmelige Hemden. Offensichtlich herrschte Uneinigkeit darüber, ob ein warmer oder kühler Tag war – und zwar trennscharf entlang der Altersgrenze.
Tatsächlich gibt es Gründe dafür, warum Ältere leichter frieren als Jüngere. Im Alter verringert sich die Muskelmasse und der Anteil des wärmenden Fettgewebes in der Unterhaut. Sowohl Muskeln als auch Fett helfen uns, den Körper warm zu halten. Frauen sind noch einmal stärker betroffen als Männer, weil sie weniger Muskelmasse und eine dünnere Haut haben. Im Alter verlangsamt sich der Stoffwechsel, auch das Blut zirkuliert nicht mehr so rege. Das trägt dazu bei, dass ältere Menschen leichter unter kalten Füßen oder Händen leiden. Zudem bewegen sich ältere Menschen im Durchschnitt weniger. Im Stillsitzen friert man mehr als in Aktion.
Aber Vorsicht: Wer häufig und in einem ungewöhnlichen Ausmaß zum Frieren neigt, sollte auch als älterer Mensch abklären lassen, ob dahinter nicht eine Erkrankung stecken könnte. Eine Unterfunktion der Schilddrüse könnte sich so äußern, ein zu niedriger Blutdruck, vielleicht auch ein Mangel an Vitaminen oder Eisen. Vor allem wenn weitere Symptome wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit hinzukommen, sollte das untersucht werden. Auch bestimmte Medikamente können Frieren auslösen. Grundsätzlich ist Frieren jedoch keine Krankheit, sondern eine wichtige Kontrollfunktion des Körpers. Das Gehirn überwacht permanent die Temperatur des Blutes und der Körperoberfläche, um eine Unterkühlung zu verhindern. Bei Kältealarm reagiert es mit einer Gänsehaut, dann mit Zittern. Beides sind unwillkürliche Reaktionen, bei denen mit Muskelbewegungen Wärme erzeugt wird. Das vorgelagerte subjektive Kälteempfinden ist aber ganz individuell und kann auch trainiert werden.
Mein Nachbar zum Beispiel schwört darauf, täglich kalt zu duschen. Bei Wind und Wetter dreht er seine Joggingrunde am Havelufer und beim Eisbaden ist er auch dabei. Er ist sicher, dass die Abhärtung ihn vor Erkältungen schützt. Da kann etwas dran sein, schon Pfarrer Kneipp hat zur Prophylaxe Wechselgüsse verordnet. Ein zuverlässiger Schutz gegen jede Infektion ist die Abhärtung natürlich nicht. Dafür friert mein Nachbar auch im tiefen Winter kaum einmal, obwohl er inzwischen zu den Senioren gehört.
Ihr Dr. Nikki Ulm